von: Clara Fohrbeck

In der ersten Woche meines Praktikums begleitete ich Frau Jas bei einem ausstellungsbezogenen Projekt zur aktuellen Ausstellung ‘Amerikana’, die zu typischen ‘ur-amerikanischen’ Themen verschiedene Videoprojektionen, aber auch Gemälde und Fotografien präsentiert. Um direkt Bezug auf die Austellung aufnehmen zu können, luden wir jeweils die 7. Klassen der Peter-Jordan-‘Sonderschule’ und dem Kunstzweig der Menzel-Oberschule ein. Bis jetzt habe ich wenige Erfahrungen im praktischen Bereich der aktiven Kunstvermittlung gesammelt und war sehr beeindruckt darüber, wie unterschiedlich die einzelnen Schüler auf das Projekt reagierten und die Gruppendynamiken der Schülerklassen die Reaktionen der Schüler beeinflussen zu schienen. Welche Fragen zum Thema Wahrnehmung, Bildung und Kunstvermittlung kamen mir währen der ersten Woche mit diesen beiden Schulklassen in den Sinn??

Begonnen wurde mit Aufwärmübungen: Gefüllte Reisballons, die nach Blickkontakt einem jeweils anderen Schüler im Kreis zugeworfen wurden. Mit einem Ballon angefangen, steigerte sich die Aufmerksamkeit nach einer Weile und es wurden 2 und dann 3 Reisballons verwendet.

Vor dem eigentlichen Besuch der Ausstellung malten die Kinder auf eine große Papierrolle ihre Idee über das, was Amerika ist oder sein soll. Die Schüler der Peter-Jordan-Schule waren anfangs ein bisschen unsicher darüber, was sie sich unter Amerika vorstellen sollten. Nach einer Weile kristallisierten sich jedoch generelle Ideen wie ‘hohe Häuser’, ‘Strand’ und auch ‘Dschungel’ heraus und einige hatten ganz spezifische Vorstellungen wie zum Beispiel ‘die Casinos von Las Vegas’. Die SchülerInnen der Menzelschule hatten klarere Ideen und man hatte den Eindruck, dass sie schon spezifischere Ideen zum Thema Amerika hatten. Bei beiden Gruppen kristallisierte sich schnell heraus, dass ihr Wissen über die USA stark von den Medien beeinflusst war (in beiden Gruppen fiel den Schülern ziemlich schnell ‘Barack Obama’! ein). Im Allgemeinen wurde das Malen von beiden Gruppen sehr positiv aufgenommen. Auffällig war, dass die Schüler der Menzelschule, obwohl anfangs sehr viel differenzierter und spezifischer in ihren Ideen über Amerika, später oft die Ideen ihrer Nachbarn oder Freunde übernahmen. Schon hier erhielt ich den Eindruck, dass die SchülerInnen sich dem Druck der Gruppe ausgeliefert fühlten und sich nach den Ideen der Anderen richteten. Eine Frage die bei mir aufkam, war, ob dies vielleicht eine Sich-nach-anderen-richten-Rolle darstellt, die Mädchen durch ihr Elternhaus oder ihrem gesellschaftlichen Umfeld vermittelt wird. Dazu muss man sagen, dass in der Peter-Jordan Schulklasse nur zwei Mädchen, in der Menzelschulklasse zwei Jungen am Projekt beteiligt waren.

Die Peter-Jordanschule bastelte dann teilweise noch an phantasievollen Gebilden aus Marshmallows. Auf diese Aktion reagierten einige Schüler etwas irritiert, da sie von zu Hause und auch von der Schule aus gewöhnt waren, dass ‘man nicht mit Essen spielt’. Die Aktion schien ihnen deswegen aber dann grade Spaß zu machen und faszinierte….meiner Meinung nach eine schöne Idee dessen, was Kunst und die Vermittlung von Kunst sein kann: Das Brechen der im Alltag antrainierten Regeln und Gewohnheiten um kreativ zu sein und aus alltäglichen Gegenständen und Mitteln etwas Neues zu machen.

Um die Kinder auf die Ausstellung vorzubereiten, zogen sowohl die Schüler der Peter-Jordanschule als der Menzelschule jeweils einen Zettel mit einem Begriff, der in einem der Ausstellungsobjekte von ‘Amerikana’ wiederzuentdecken war. Die Schüler der Menzelschule erhielten, in Zusammenhang mit ihrem Projekt zum Thema ‘Was ist Freiheit’ den Auftrag, sich vorher einen Satz zum Thema Freiheit in Verbindung it dem Ihnen zugeteilten Begrif fzu überlegen. Die Reaktion auf und der Umgang mit der Ausstellung von Amerikana war pro Gruppe und Schüler auffallend unterschiedlich.

Bei der Beobachtung dieses Verhaltens der Kinder kamen mir mehrere Gedanken zur Kunstvermittlung:

-Kunstvermittlung hat nicht wirklich etwas damit zu tun, Kinder aus ‘bildungsfernen’ Familien, also solchen, die wahrscheinlich noch nie im Leben eine Gallerie gegenwärtiger Kunst besucht haben, Zugang zu Kunst und Kultur zu schaffen, sondern eher damit, Ihnen eine Stimme zu geben, um ihr eigenes künstlerisches Potenzial zum Ausdruck zu bringen. Die Kinder der Peter-Jordanschule schienen sich selbst viel weniger unter Druck zu setzen und hatten weniger Angst, etwas ‘Falsches’ zu sagen. Es lag eine generelle Begeisterung in der Luft und eine absolute Gebanntheit und sowie ein hohes Maß an Konzentration, um Gedanken, Gefühle und Wissen zu den einzelnen Ausstellungsobjekten zum Ausdruck zu bringen. Auf Kunst wurde mit Kunst reagiert. Wie zum Beispiel ein Junge der Peter-Jordanschule, der auf eine Videoinstallation mit einem Video, welches Michael Jackson präsentierte, reagierte, in dem er eine BeatBox Performance mit einem von Michael Jackson’s Liedern vor der Kamera, mit der die Schüler sich gegenseitig filmten, hinlegte.

-Kunstvermittlung ist sehr wichtig für die Schüler, um ihnen ein in der Schule oft nicht erlerntes Konzept von Wissen zu vermitteln. In einer Gesellschaft und einem Bildungssystem, indem es oft nur noch darum geht, die Masse der Informationen, die wir täglich aufnehmen, in ein binäres System einzuordnen und uns für ‘0’ oder ‘1’, ‘falsch’ oder ‘richtig’ entscheiden müssen, und das bitte so schnell wie möglich!, überschreitet Kunst der Gegenwart die Grenzen der Möglichkeit, das in der Ausstellung Wahrgenommene in das von der Informationsgesellschaft heraufbeschworene binäre System einzuordnen. Die Ausstellungsobjekte stießen somit häufig bei den Schülern auf Hilflosigkeit und Unruhe. Ein Erklärungsversuch, warum die Gruppe der Menzelschule eher unruhig und unkonzentriert war, ist vielleicht, dass sie keine ‘richtigen’ Antworten bei der Besprechung der Ausstellungsobjekte bekamen. Da Informationen nicht direkt als klares Produkt geliefert wurden, wussten viele nichts so recht mit den Ausstellungsobjekten anzufangen und freuten sich, nach der Ausstellungsbesprechung selbst wieder aktiv werden zu können. Während eine der Schülerinnen der Menzelschule ihr Ausstellungsobjekt präsentierte, kam eine weitere Schülerin zu mir und beschwerte sich, dass ihr Foto mit der Flagge nicht im Austellungskatalog beschrieben wäre und sie somit einen klaren Nachteil dem Jungen gegenüber hätte, der für die Beschreibung des Ausstellungsobjekts ‘hippy Shit’ die ‘Antwort’ auf das Kunstwerk im ‘Heftchen’ finden konnte. Viele SchülerInnen hielten sich bei der Präsentation ‘ihrer’Ausstellungsobjekte an den Satz, den sie sich vorher in Verbindung mit ihrem Begriff zurecht gelegt hatten, waren jedoch vorsichtig, ihre eigene Meinung und Eindrücke zu den Ausstellungsobjekte zu formulieren und hatten oft Bedenken, dass ihre Beobachtungen, ‘falsch’ sein könnten

Kunstvermittlung ist wichtig, um erlerntes Wissen in Frage stellen zu können, nicht nur mit JA! oder NEIN! zu antworten, sondern mit Kreativität zu reagieren.

Leave a Reply