Was heißt es heute frei zu sein? Welches Bild vermittelt sich Kindern und Jugendlichen durch die Medien und beispielsweise auch durch die Plakatierung im Rahmen des aktuellen Wahlkampfs? Wir formt sich so der Begriff ihrer Freiheit? Wie relativiert sich dieser Begriff durch die reale Erfahrung im Kreuzberger Alltag? Welches aktuelle und gegenwärtige Gesellschaftskonzept haben junge Menschen – welche Rolle spielt die “Freiheit”?

Kunstprojekt zum Thema Freiheit in Kooperation mit der
Fichtelgebirge Grundschule Kreuzberg am 09.09.2009.

Dauer: Sechs Stunden
Teilnehmende: Zehn SchülerInnen der Klasse 6c
Konzept und Durchführung: Mona Jas, Künstlerin/Stipendiatin NGBK und Greta Hoheisel, Studentin Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation Universität Hildesheim
Organisation, Koordination: Kurt Menard, Hr. Neubert
Anlass: Besuch der Kulturprojekte GmbH, vertreten durch Nils Steinkrauss, der SPD, vertreten durch Andrea Nahles und Björn Böhning und Barbara Kisseler, Chefin in der Leitungszentrale des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit.

Dieses Foto und alle weiteren von Greta Hoheisel
istanbul

Alle saßen im Kreis. Ich hatte zwei Dosen dabei, in einer war „meine“ Freiheit, in der anderen ihr Gegenteil. Ich öffnete die Freiheits-Dose leicht, schaute hinein und erzählte, wie meine Freiheit riecht, welche Farbe sie hat, welche Melodie, wie sie gebaut ist, was mir sonst so einfiel. Dann reichte ich die Dose weiter. Nun waren die anderen dran. Einigen Kindern war es erst peinlich, andere hatten sichtlich Vergnügen, sich etwas einfallen zu lassen.

Davor allerdings begannen wir nach Augusto Boal („Theater der Unterdrückten“) die gemeinsame Arbeit mit Übungen aus dem performativen Bereich. Erstmals begegnete ich dem “unsichtbaren” Theater in meinem Projekt an der Kurt Löwenstein Schule 2007 in einem Gespräch mit einer Theaterpädagogin und arbeitete seit dem mit verschiedenen Elementen dieser Methode. 2009 auf dem Kunstvermittlungssymposium KUNST [auf] FÜHREN in Kassel lernte ich in dem wunderbaren Workshop von Julia Draxler weitere Möglichkeiten kennen, die ich nun modifiziert in verschiedenen Gruppen erprobe.

Erst sollten sich Paare bilden. Nun musste eine/r mit ihrer/seiner Gesichtsfläche der Handfläche der PartnerIn folgen (ohne Berührung). Die PartnerIn hatte die Freiheit durch die Bewegung der Handflächen das Gegenüber an die unmöglichsten Stellen zu führen. Die/der war unfrei und musste folgen. Aber Achtung – danach ging es umgekehrt weiter!

Wir erweiterten die Übung mit zwei magischen Händen UND einem magischen Fuß.

Filmaufnahmen von Greta Hoheisel und Kindern der Klasse

Spontanes Feed-Back der Klassenlehrerin Frau Multhaup-Gerz: Ähnliche Methoden hätten sie schon in den 80igern eingesetzt. Damals wären die Kinder allerdings in ihrer Koordination wesentlich feiner aufeinander abgestimmt gewesen. Heute habe sie empfunden, wie wenig Empathie die Kinder füreinander gehabt hätten, alle wollten “führen”, keine/r geführt werden. Sie wolle diese Übung daher regelmäßig in ihrem Unterricht einsetzen.

istanbul

Auf vorbereitetem Packpapier konnten die SchülerInnen mit Kohle mit ihren Körpern Umrisse, Formen zu ihrem Begriff von Freiheit zeichnen. Z.B. eine Landkarte ihres „freien Landes/Ortes“ zeichnen. Sie konnten hierzu ihre ganzen Körper benutzen, oder auch Teile (Oberkörper, Kopf, Füße …). Im Ergebnis entstanden Mischungen aus eigenem Körperumriss und Landkarten. Mit schwarzem und weißem Plastillin konnten sie zu ihren Ländern (Freiheits-) Denkmäler oder Ähnliches herstellen.

istanbul

istanbul

istanbul

Die Jungen der Gruppe stürzten sich (bis auf eine Ausnahme – die Ironie des Schicksals wollte es, dass Frau Nahles genau auf diesen Jungen zuerst stieß, woraus sich ein sehr lustiges Gespräch ergab –) sofort in “ihre” Länder. Mit Hingabe und Konzentration begannen sie mit freien Umrissen, die Körperumrisse verwarfen sie. Einige begannen mit Namen, andere visualisierten als erstes ihre Vorstellungen und ergänzten hinter her mit Worten. Ein Junge, der zuvor extrem verhaltensauffällig war (verbal und auch körperlich), zog sich zurück und arbeitete konzentriert an seinem Land. Seine Zeichnungen sind wunderbar und eindrucksvoll geworden, dazu entwarf er “Denkmäler”. Wald ohne Wiederkehr, A-Hell City, Berge des Schreckens nannte er seine Landschaften. Die visuelle Umsetzung war entgegen ihrer Bezeichnungen harmonisch und ausgewogen (siehe folgendes Bild).

istanbul

Die Mädchen fanden schwerer in das Arbeiten. Sie wollten sich an die Körperumrisse halten und Kleidung, Schmuck, Schuhe thematisieren, waren mit ihren Ergebnissen anfänglich aber unzufrieden. Melike, Aysu und Hanife stellten dann gemeinsam doch noch zwei “große” Mädchen her und konnten sie in der Abschlussrunde auch stolz den anderen präsentieren.

istanbul

Für die Präsentation wählten wir spontan die Kellerräume, die sich vor unseren Arbeitsräumen befanden, hingen die Bilder in passende Nischen und stellten die Objekte auf Drehhocker davor. Wir mochten die verwinkelte Architektur, in denen die Arbeiten der Kinder als überraschendes Element wirken konnten.

istanbul

istanbul

istanbul

Ismael und Cenk vertieften sich am Ende des Projekts intensiv in die Produktion von guten Rittern und bösen Feinden ihrer Länder, die sie der Klasse gemeinsam nebeneinander vorstellten.

istanbul

Leave a Reply